Den Namen von jemanden zu sagen, ist etwas Seltsames.
Plötzlich taucht die Gestalt der Person im leeren Raum vage auf.
Weder sehe ich sie deutlich, noch höre ich ihre Stimme klar.
Die Erinnerungen von ihr erscheinen und verschwinden wie in einem Kaleidoskop.
Endlos laufen sie ohne Zusammenhang.
Ihr Blick voller Vertrauen, wenn sie sich umdreht.
Die sanfte Stimme, die lange Wimpern, die geschmeidige Bewegungen ihrer Fingerspitzen und ihre undeutliche Rückenansicht.
Die Bilder erwachen wie fallende Dominosteine, alle zufällig in Zeit und Raum verstreut.
Wie ein gealterter, gekratzter Film, sind sie verschwommen,
Jedoch, von anderen zahllosen latenten Erinnerungen abweichend, dominieren sie alle anderen, als ob diese niemals Bedeutung gehabt hätten.
Sie erobern mein Gehirn.
Vollkommen gefangen von den Erinnerungen an der einzigen Person,
vergesse ich Ort und Zeit.
Ich werde von meinem Gehirn ausradiert
und verwandle mich in einen anderen,
Ich verhalte und denke als die andere Person.
Wie ein von Wogen gewälzten verlassenes Schiff, schwebt meine Seele in fremder Dunkelheit,
und wie eine trämende Seele aus dem Körper herausschleicht, krieche ich wie eine Schlange durch eine stockfinstre Wildnis, riechend ein Hauch von Duft von Veilchen, die unter wuchernden Unkrauten heimlich blühen, überquere durch eine rauschende, schlängernde kalte Bach oder durch ein rau anfühlenden sandigen Talboden, wo Kadaver von Tieren verstreut sind.
Dann, plötzlich fliege ich in die Höhe wie ein Adler mit Beute suchendem scharfem Blick, und im nächsten Moment, mache einen Sturzflug in den Wasserfall, der feierlich Sprühregen aufwirbelnd goldenen Felsenflächen entlang in der Abenddämmerung reißt. Da sehe ich einen schönen Regenbogen.
Jedoch ist es nicht mein Will.
Ich bleibe still, wie im Schlaf, und weiß nicht einmal, wo ich bin.
Doch die Person in mir spielt den Herrn und scheint mich gar nicht wahrzunehmen.
Sie dringt in die tiefste Dunkelheit meines Herzens ein und enthüllt alles.
Sogar Erinnerungen, die ich unbewusst verborgen gehalten habe.
Verlegen und überrascht sehe ich nur zu, was sie tut.
Dabei merke ich gleich, dass ich das Geschehen mit heimlicher Erwartung ansehe.
Als ob die Person es wüsste, öffnet sie hier und da meine Kästchen und zieht Schubladen heraus, die ich lange vergaß.
Gefüllt sind die Schubladen mit kleinen Erinnerungsstücken wie Kieselsteinen und Muscheln, die an sommlichen fremden Küsten gefunden und aufgehoben wurden.
Da ergießt sich plötzlich alles wie funkelnde Juwelen in den Boden.
Alle verbunden mit anderen Menschen und Orten.
Doch die Erinnerungen, die diese Person offenbart, lösen sich von ihr und verbinden sich zugleich mit ihr.
Die erlösten Erinnerungen werden nun neu angeordnet, was ihnen neue Bedeutungen geben und mein Gedächtnis selbst sich umbilden lässt.
Der andere verwandelt mich in eine neue Person.
Wie ist es möglich, dass nur ein Aufruf von jemandes Namen mich bezaubert und entmacht? Warum soll ich mich jemenden so einfach ausliefern?
Jedoch, das ist der Andere, der uns unbewusst oder bereitwillig transformiert.
Der Andere ist kein angenehmer Frühlingswind, der vor uns sanft weht, weder ein abscheulicher Storm, den man sich duckend wartet, bis er dahinschwindet.
Er ist weder meine Phantasie, noch etwas, was ich beliebig manipulieren kann.
Nicht alle können mich zur Verfügung stellen.
Viele ziehen vor mir eiliig und einfach vorbei.
Sie sind nicht die anderen, sondern die Fremden.
Es ist die Anderen, die sich immer vor mir vergegenwärtigen, wo und wann sie sind.
Ich existiere, wie der Andere existiert, nicht im Gegenteil.
Ich werde hohl, wenn ich niemanden habe, den ich nicht rufen kann.
Dann würde die Welt verdünnend zurückweichen, der Boden donnernd sinken, der Himmel im Findternis zersplittert werden.
Dunkelheit würde alles verschlucken, wovon ich überhaupt träumenn kann.
Jemanden zu treffen, ist etwas Seltsames.
Keiner weiss, wie wir jemanden treffen würde.
Selbst wenn man die Person nicht mehr sehen kann,
bleibt die Verbindung wie Grundwasserader,
der unter dem Grundgestein rastlos fliesst.
Niemand kann es anhalten.
Weil der Strom ich selbst ist.
Und ich rufe den Namen.
Sofort kommt die Person in Sicht.
Sie ist mehr realistisch als die Realität,
die eher verblasst und in den Hintergrund tritt.
Zwar existiert die reale Person sicherlich vor mir.
Jedoch ist sie unzuverlässlich vergänglich.
Er verwandelt sich und gerät bald ausser Sicht.
Das ist Lauf der Welt.
Trotzdem ist eine physikalische Begegnung einzigartig, denn sie passiert nur durch einen feinen Zufall, eine heilige Offenbarung.
Und nun ruft jemand jemendes Namen.